{"id":472,"date":"2017-07-28T12:40:30","date_gmt":"2017-07-28T10:40:30","guid":{"rendered":"http:\/\/flockofideas.com\/?p=472"},"modified":"2017-08-24T22:51:24","modified_gmt":"2017-08-24T20:51:24","slug":"nathan-der-aufgeklaerte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.flockofideas.com\/index.php\/2017\/07\/28\/nathan-der-aufgeklaerte\/","title":{"rendered":"Nathan der Aufgekl\u00e4rte"},"content":{"rendered":"<p>G. E. Lessing schrieb Nathan der Weise im Jahre 1779, ein Theaterst\u00fcck bestehend sowohl aus dramatischen als auch kom\u00f6dischen Elementen. Die Geschichte spielt im Jerusalem des 12. Jahrhunderts, in einer Zeit also, welche von Glaubenskriegen und milit\u00e4rischer Konfrontation zwischen Christentum und Islam gepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p>So handelt auch Lessings Werk von Religion und den Glauben an Gott, aber in typisch aufkl\u00e4rerischer Manier auch von der Wahrheit. Interessanterweise verbindet alle Protagonisten eine relativ offene Geisteshaltung: Der Saladin etwa wirkt wie ein Monarch des aufgekl\u00e4rten Absolutismus, welcher f\u00fcr das friedliche Zusammenleben der religi\u00f6sen Gruppen in seinem Territorium zu sorgen versucht. Zudem nennt man sich trotz theologischer Differenzen &#8220;Freunde&#8221;, wie etwa Nathan und Al-Hafi in ihrem ersten Auftritt.<\/p>\n<p>Andererseits wird diese aufgekl\u00e4rte Haltung regelm\u00e4ssig durch vorurteilsbehaftete \u00c4usserungen wieder in Frage gestellt (Tempelherr: &#8220;Jud&#8217; ist Jude.&#8221;). Dasselbe gilt f\u00fcr Dajas immer wieder aufkeimenden Fanatismus; sie meint es zwar gut (&#8220;Blumen&#8221;), kann sich allerdings nicht vom spannungsgeladenen Denken l\u00f6sen, wonach alle Menschen ausser gl\u00e4ubige Christen am Ende ihres Lebens verdammt sein m\u00fcssen (&#8220;Unkraut&#8221;).<\/p>\n<p>In der Person Nathans finden wir eine aufkl\u00e4rerische Kritik an \u00c4usserlichkeiten, die den eigentlichen Menschen nicht ausmachen. Diese Kritik geht weit \u00fcber die religi\u00f6se \u00dcberzeugung hinaus und umfasst auch Herkunft, Funktion in der Gesellschaft und soziale Stellung. So fragt etwa der Derwisch Al-Hafi:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;K\u00f6nnt ich nicht ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft euch ungelegen w\u00e4re?<\/p><\/blockquote>\n<p>Worauf Nathan antwortet:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Wenn dein Herz noch Derwisch ist, so wag ich&#8217;s drauf. Der Kerl im Staat, ist nur dein Kleid.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Leitmotive im Buch sind auch Familienbande und Zugeh\u00f6rigkeit. Diese Themen werden im Nathan sodann mit religi\u00f6ser Toleranz und Kosmopolitismus vermischt. So spielt es f\u00fcr Nathan und seine Pflegetochter Recha keine Rolle, als herauskommt, dass er Jude und sie Christin ist, weil er die ganze Zeit ein guter Vater f\u00fcr sie gewesen ist. Hier werden Oberfl\u00e4chlichkeiten letztendlich nicht mehr hinterfragt. Die Gesamtheit der Dinge z\u00e4hlt; der Mensch wird aufgrund seiner Handlungen beurteilt, wohingegen er die religi\u00f6se Tradition der Familie nicht frei bestimmen konnte. Wie bei Voltaire kommt dabei das Ethos von Humanit\u00e4t, Toleranz und Weltoffenheit beim freimaurerisch gepr\u00e4gten Lessing zum Ausdruck. Zudem finden wir einen starken Individualismus vor, wenn Nathan zum Tempelherrn sagt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Wir m\u00fcssen, m\u00fcssen Freunde sein! &#8211; Verachtet mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide unser Volk nicht auserlesen. Sind wir unser Volk? Was heisst den Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch gefunden h\u00e4tte, dem es g&#8217;n\u00fcgt, ein Mensch zu heissen!&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Es soll hier ein weiterer Punkt angesprochen werden: Natur und Vernunft in Lessings Werk. Um mit Kant zu sprechen: Der Mensch ist f\u00e4hig (er muss nur wollen), sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, um die Welt um ihn als Einheit zu erkennen, die er letztlich mit der Vernunft deuten kann. Lessings Nathan enth\u00e4lt darum Anspielungen auf die zunehmende Bedeutung der Naturwissenschaften zu seiner Zeit. Dies kommt beispielsweise in Saladins Schachspiel mit seiner Schwester Sittah zum Ausdruck, oder aber in der Ablehnung von wunderbaren Wendungen, die angeblich g\u00f6ttlichen Ursprungs zu sein haben. Religion und Natur (und damit auch der Verstand) werden bei Lessing in Einklang miteinander gebracht. In den Worten des Tempelherrn:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Natur, so leugst du nicht! So widerspricht sich Gott in seinen Werken nicht!&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die ber\u00fchmteste Darstellung der Gleichwertigkeit der Religionen (im Sinne eines <em>deistischen<\/em> Weltbildes) finden wir allerdings in Nathans <a href=\"http:\/\/wortwuchs.net\/ringparabel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ringparabel<\/a>, welche er auf Saladins Ersuchen vortr\u00e4gt. Saladin legt Nathan die Frage vor, welche der drei monotheistischen Religionen er f\u00fcr die &#8220;wahre&#8221; halte. Nathan antwortet darauf mit einem Gleichnis: Er erz\u00e4hlt von einem Vater mit drei S\u00f6hnen. Seinem liebsten Sohn soll der Vater am Ende seines Lebens einen Ring \u00fcbertragen, der diesen Sohn nach dem Tod des Vaters zum neuen Hausherren macht. Als der Vater allerdings bemerkt, dass er seine S\u00f6hne alle gleich liebt, l\u00e4sst er zwei weitere, ja identische Ringe anfertigen. Der Vater gibt nun jedem Sohn einen Ring. Keiner weiss allerdings, wessen Ring der echte sei.<\/p>\n<p>Nun, laut Nathan sind alle Ringe (Religionen) des Vaters (Gott) <em>gleich<\/em>, denn sie basieren alle auf Geschichten (Prophezeiungen), welche sich an dessen S\u00f6hne richten (Angeh\u00f6rige der jeweiligen Glaubensrichtung). Und diese Geschichten seien schliesslich innerhalb der Familie und Sippe weitergegeben worden, die deren Angeh\u00f6rige jedoch nicht zu hinterfragen wagen. Aber weshalb sollen wir die Angeh\u00f6rigen anderer Religionen kritisieren, wenn sie doch bloss die Geschichten ihrer Ahnen zu glauben pflegen? Oder anders ausgedr\u00fcckt: wer in Syrien geboren wird, ist wohl Muslim, w\u00e4hrend eine Italienerin am ehesten der katholischen Kirche angeh\u00f6rt. Der<em> kulturelle Hintergrund <\/em>pr\u00e4gt uns also ganz wesentlich &#8211; das ist eine der Hauptaussagen bei Lessing.<\/p>\n<p>Im Nathan ist dar\u00fcber hinaus auch jeder Mensch zugleich &#8220;Richter&#8221;, der sich sein eigenes Bild \u00fcber die Religionen machen muss.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Dass er [Vater] euch alle drei geliebt, und gleich geliebt. [&#8230;] Es eifre jeder [Sohn] seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach!&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit seiner Antwort weist also Nathan letztlich Saladins Frage nach dem &#8220;wahren&#8221; Glauben zur\u00fcck. Gott, so Nathan, liebe alle Menschen, vollkommen gleich, welcher Glaubensrichtung (Ring) sie angeh\u00f6ren. Darum: statt Tyrannei des einen Rings verlange Gott von seinen Gl\u00e4ubigern Toleranz gegen\u00fcber Andersgl\u00e4ubigen. Ein Motiv, das bis heute eine \u00fcberragende Bedeutung beh\u00e4lt. Entsprechend \u00fcberrascht es nicht, dass in Lessings Werk dem Saladin das letzte Wort zukommt &#8211; wohl gedacht als Auftrag an den weltlichen Herrscher, f\u00fcr Toleranz unter den Religionen zu sorgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G. E. Lessing schrieb Nathan der Weise im Jahre 1779, ein Theaterst\u00fcck bestehend sowohl aus dramatischen als auch kom\u00f6dischen Elementen. Die Geschichte spielt im Jerusalem des 12. Jahrhunderts, in einer Zeit also, welche von Glaubenskriegen und milit\u00e4rischer Konfrontation zwischen Christentum und Islam gepr\u00e4gt war. 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