{"id":492,"date":"2017-08-06T12:56:27","date_gmt":"2017-08-06T10:56:27","guid":{"rendered":"http:\/\/flockofideas.com\/?p=492"},"modified":"2017-08-10T19:35:50","modified_gmt":"2017-08-10T17:35:50","slug":"warum-man-seinen-cappuccino-rasch-trinken-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.flockofideas.com\/index.php\/2017\/08\/06\/warum-man-seinen-cappuccino-rasch-trinken-sollte\/","title":{"rendered":"Warum man seinen Cappuccino rasch trinken sollte&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Zeit fasziniert mich. Wer sich n\u00e4her mit dem Ph\u00e4nomen der Zeit besch\u00e4ftigt, merkt, dass wir eigentlich nur sehr wenig davon verstehen. Was ist Zeit? Welche Elemente machen unser Zeitgef\u00fchl aus? Und weshalb ist unser landl\u00e4ufiges Verst\u00e4ndnis von Zeit so anders als dasjenige der Physik?<\/p>\n<p><strong>Zeit ist die Uhr des Lebens<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.preposterousuniverse.com\/blog\/2016\/05\/13\/big-picture-part-six-caring\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">3 Milliarden Mal<\/a> schl\u00e4gt unser Herz im Durschnitt; anschliessend sind wir tot. Die Zahl ist zwar riesig, doch stimmt sie uns zugleich nachdenklich. Zeit wird gemeinhin als &#8220;kostbar&#8221; empfunden. Und weil sie f\u00fcr jeden Menschen gleichermassen gilt, kommt ihr anders als materiellem Reichtum eine egalisierende Wirkung zu. So verstanden ist Zeit die grosse philosophische (resp. theologische) Nivellierung; ein Naturgesetz also, nach dem sich jeder zu richten hat.<\/p>\n<p>Drei Konzepte der Zeit m\u00f6chte ich im Folgenden anschauen:<\/p>\n<p><strong>Erstens: Zeit in der allt\u00e4glichen Wahrnehmung<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben ein klares Verst\u00e4ndnis davon, dass Zeit eine Aneinanderreihung von Momenten ist, der wir hilflos ausgesetzt sind. Diese spezifische Art der Wahrnehmung der Zeit gibt uns das Gef\u00fchl der Vergangenheit und der Zukunft, und dass es scheinbar nur <em>eine<\/em> Richtung der Zeit gibt, n\u00e4mlich von der Vergangenheit \u00fcber die Gegenwart in die Zukunft (&#8220;Pfeil der Zeit&#8221;).<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Eine Sandburg, die einmal zerst\u00f6rt ist, baut sich nicht von selbst wieder auf.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Sandburg, die einmal zerst\u00f6rt ist, baut sich nicht von selbst wieder auf. Auf jeden Fall hat dies niemand bisher beobachten k\u00f6nnen. Physiker f\u00fchren die wahrgenommene Richtung der Zeit auf die Zunahme der <em>Entropie<\/em> (Mass der Unordnung) im Universum zur\u00fcck. Einem Cappuccino gleich, der zu Beginn eine klare Trennung von Kaffee und Milchschaum kennt, jedoch allm\u00e4hlich zu diffundieren beginnt, wird das Universum mit der Zeit, ausgehend vom Big Bang, &#8220;unordentlicher&#8221;. Diese Annahme wird getroffen, weil es mehr Wege gibt und damit <em>wahrscheinlicher<\/em> ist, dass sich Unordentlichkeit einstellt als dass sich die Bausteine dieser Welt spontan zu etwas &#8220;Ordentlichem&#8221; formen, wie etwa zu Galaxien, Planeten, Menschen, H\u00fchnereiern oder eben Sandburgen.<\/p>\n<p>Entsprechend folgen wir auch intuitiv einer <em>chronologischen<\/em> Abfolge, wenn wir von Erlebnissen erz\u00e4hlen (Ursache-Wirkung bzw. Kausalit\u00e4t). Beispielsweise stecken wir uns zuerst mit einer Grippe im B\u00fcro an (oder verlieben uns), die in der Folge zu einer Erkrankung f\u00fchrt (zur Beziehung), welche wir schliesslich mit Medikamenten und Bettruhe zu Hause erfolgreich behandeln (Trennung&#8230;).<\/p>\n<p>Der t\u00e4gliche Sprachgebrauch ist ein Indikator daf\u00fcr, wie bedeutsam Zeit zur abstrakten Ordnung unserer Erlebnisse und zu deren Kommunikation mit anderen Menschen ist: Beispielsweise k\u00f6nnen wir uns problemlos um 20:00 Uhr verabreden; wir sprechen von &#8220;vorher&#8221; und &#8220;nachher&#8221; und verstehen ganz genau, was unser Gegen\u00fcber damit meint; und schliesslich ist uns Menschen der Nordhalbkugel klar, was es bedeutet, wenn die Blumen bl\u00fchen (Fr\u00fchling), die Hitze einkehrt (Sommer), die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume sich rot f\u00e4rben (Herbst) oder der erste Schnee f\u00e4llt (Winter).<\/p>\n<p>Zeit ist im Alltag allgegenw\u00e4rtig, als ob wir \u00fcber einen Ort, einen Menschen oder unsere Gef\u00fchle sprechen w\u00fcrden. Ohne temporale Begrifflichkeiten als sprachliches Hilfsmittel w\u00e4re ein Grossteil unserer Kommunikation un- oder zumindest missverst\u00e4ndlich. Wir haben uns darum auf einen sprachlichen Standard geeinigt, welcher dem Faktor Zeit einen bedeutenden semantischen Platz einr\u00e4umt.<\/p>\n<p><strong>Zweitens: Zeit als psychologisches Ph\u00e4nomen<\/strong><\/p>\n<p>Umgekehrt begreifen wir Zeit auf eine Weise, die nicht zwingend mit der objektiven Realit\u00e4t der Zeit \u00fcbereinstimmen muss. So stellen wir fest, dass wir Zeit anders wahrgenommen haben, als wir noch Kinder waren. Erinnern wir uns doch einmal zur\u00fcck an unseren ersten Urlaub am Meer &#8211; wie unendlich lang uns dieser doch vorkam! Dieses rein intuitive Gef\u00fchl ist tats\u00e4chlich real, wie Psychologen <a href=\"https:\/\/blogs.scientificamerican.com\/mind-guest-blog\/why-does-time-fly-as-we-get-older\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">nachweisen<\/a> konnten. Demnach nehmen Kinder grunds\u00e4tzlich den Zeitverlauf langsamer wahr als \u00e4ltere Menschen. Tatsache ist, dass Kinder alle Erfahrungen zum ersten Mal machen m\u00fcssen; wenn wir hingegen \u00e4lter werden, besitzen wir mehr Routine und viele Dinge kommen uns wie &#8220;d\u00e9j\u00e0-vus&#8221; vor. Dies kann dazu f\u00fchren, dass uns der Zeitablauf schneller vorkommt.<\/p>\n<p>Andererseits nehmen wir die Zeit als langsamer verstreichend wahr, wenn wir gelangweilt in einem Flugzeug zu sitzen haben, bevor wir endlich am Strand liegen k\u00f6nnen. Die &#8220;Zeit totschlagen&#8221; kann damit rasch zur Hauptaufgabe bei Langeweile werden. Beim Lesen einer interessanten Lekt\u00fcre oder in einem Moment der Anspannung, wie etwa an einer Pr\u00fcfung, vergeht hingegen die Zeit &#8220;wie im Flug&#8221;.<\/p>\n<p>Paradoxerweise erscheinen uns retrospektiv allerdings oft gerade die spannenden Zeiten als sehr langwierige Perioden, wohingegen die ereignisarmen Phasen nur schlecht in unserer Erinnerung zu haften verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Unser Gehirn ist auch die Quelle, die uns ein extrem starkes subjektives Gegenwartsgef\u00fchl gibt, wobei der Gegenwartsmoment immer nur eine rein logische Annahme ist und nicht der objektiven Realit\u00e4t entsprechen kann, weist doch jeder Reiz eine minimale \u00dcbertragungsverz\u00f6gerung von wenigen Milli- oder sogar bloss Mikrosekunden auf. Wir leben also (biologisch streng genommen) immer in der Vergangenheit!<\/p>\n<blockquote><p>Wir leben also (biologisch streng genommen) immer in der Vergangenheit!<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Drittens: Zeit als messbare Gr\u00f6sse<\/strong><\/p>\n<p>In der Physik ist Zeit schliesslich eine messbare Gr\u00f6sse. Das Messen der Zeit findet mittels Uhren statt. Wesensmerkmal von Uhren ist dabei eine Periodizit\u00e4t in ihrer Funktionsweise. So misst der Herzschlag etwa unsere Lebenszeit, die Sonne (in Relation zur Erde) die Tagesl\u00e4nge, der Mond (in Relation zur Erde) den Monat und der Umlauf der Erde um die Sonne das Jahr. Menschen nutzten diese Naturerscheinungen bereits sehr fr\u00fch, um Uhren zu bauen (z.B. Sonnen-, Sand- und Wasseruhren) und Kalender zu konstruieren (z.B. Stonehenge [umstritten], Islamischer Mondkalender, Gregorianischer Sonnenkalender). Mechanische Uhren kamen erst viel sp\u00e4ter als Zeitmesser hinzu.<\/p>\n<p>Diese Uhren sind allerdings relativ ungenau, da sie den unterschiedlichsten Kr\u00e4ften und Ver\u00e4nderungen ausgesetzt sind, wie etwa Schwankungen der Lufttemperatur oder des Luftdrucks. Demgegen\u00fcber sind Atomuhren weniger st\u00f6rungsanf\u00e4llig, da sie auf den Schwingungen der zerfallenden Atome beruhen. Dieser Kleinstbereich ist deutlich weniger &#8220;noisy&#8221;.<\/p>\n<p>Bei Isaac Newton waren Zeit und Raum noch feste Konstanten. Albert Einstein r\u00e4umte aber mit der Newtonschen Theorie auf, indem er aufzeigte, dass die Raumzeit eine eigene Dimension darstellt, die abh\u00e4ngig vom Betrachter lediglich <em>relativ<\/em> gilt. Grunds\u00e4tzlich bedeutet dies, dass die Zeit nicht f\u00fcr alle Menschen dieselbe, sondern abh\u00e4ngig von der Geschwindigkeit des untersuchten Systems und die ihn umgebende Gravitation ist. Dies f\u00fchrt zur von Einstein berechneten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zeitdilatation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zeitdilatation<\/a>. Damit stellt die Physik die Zeit als universelle Konstante in Frage. Entsprechend sprechen Physiker heute von einer bloss subjektiven Auffassung davon, was Zeit darstellt, oder sogar von einer Illusion!<\/p>\n<p>Zeit und menschliches Bewusstsein werden damit auf eine \u00e4hnliche Ebene gestellt. \u00dcber beide Ph\u00e4nomene wissen wir heute nur wenig.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Zeit und menschliches Bewusstsein werden damit auf eine \u00e4hnliche Ebene gestellt. \u00dcber beide Ph\u00e4nomene wissen wir heute nur wenig.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>&#8220;Primitives&#8221; Verst\u00e4ndnis von Zeit gen\u00fcgt oft&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Zeit ist eine ungemein facettenreiche Idee. F\u00fcr den Nichtphysiker gen\u00fcgt allerdings das Konzept der Zeit, wie wir sie im Alltag wahrnehmen. Diese Auffassung ist sozusagen <em>real genug<\/em> und l\u00e4sst uns gen\u00fcgend effizient und fehlerlos miteinander kommunizieren. Auf jeden Fall hindert uns unser &#8220;primitives&#8221; Zeitverst\u00e4ndnis nicht daran, die Komplexit\u00e4t eines Cappuccinos wertsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeit fasziniert mich. Wer sich n\u00e4her mit dem Ph\u00e4nomen der Zeit besch\u00e4ftigt, merkt, dass wir eigentlich nur sehr wenig davon verstehen. Was ist Zeit? Welche Elemente machen unser Zeitgef\u00fchl aus? Und weshalb ist unser landl\u00e4ufiges Verst\u00e4ndnis von Zeit so anders als dasjenige der Physik? 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