{"id":777,"date":"2017-10-21T20:50:56","date_gmt":"2017-10-21T18:50:56","guid":{"rendered":"http:\/\/flockofideas.com\/?p=777"},"modified":"2017-11-10T13:46:49","modified_gmt":"2017-11-10T12:46:49","slug":"vom-ende-der-gemeindefreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.flockofideas.com\/index.php\/2017\/10\/21\/vom-ende-der-gemeindefreiheit\/","title":{"rendered":"Vom Ende der Gemeindefreiheit \u2013 Adolf Gassers Werk im Lichte der europ\u00e4ischen Integrationsbewegung"},"content":{"rendered":"<p>Als meine Heimatgemeinde Piazzogna 2010 mit ihren Tessiner Nachbargemeinden zur Superkommune \u00abGambarogno\u00bb zwangsfusioniert wurde, machte ich mir noch keine grossen Gedanken dar\u00fcber, welche Auswirkungen dies f\u00fcr meinen B\u00fcrgerort und dar\u00fcber hinaus haben k\u00f6nnte. Das Bundesgericht hatte sich zwar mit dem Fall zu besch\u00e4ftigen, doch machte dies die Geschichte nicht von vornherein verd\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Wie ein Blick in das Werk des Schweizer Historikers Adolf Gasser zeigt, ist die Thematik indes deutlich komplexer, als mich der damalige Gemeindevorstand mit Verweis auf Effizienzgewinne und Pragmatismus glauben lassen wollte.<\/p>\n<p>Der vorliegende Beitrag besch\u00e4ftigt sich mit der Frage, wie Gemeindeautonomie und -freiheit im Lichte der europ\u00e4ischen Integrationsbewegung zu beurteilen sind.<\/p>\n<p><strong>Gemeindeautonomie<\/strong><\/p>\n<p>Politische Gemeinden sind die kleinsten staatspolitischen Entit\u00e4ten; kleiner sind nur noch private Assoziationen, die Familie und schliesslich das Individuum. Unterschieden wird gemeinhin zwischen Gemeindeverfassungen, welche zentralistisch gepr\u00e4gt sind, so etwa in Frankreich und Italien, und solchen, denen in dezentraler Weise gewisse Autonomien zukommen. Zu den Letzteren geh\u00f6ren neben Kommunen in den Niederlanden, skandinavischen L\u00e4ndern sowie Vereinigten Staaten von Amerika vor allem auch solche in der Schweiz.<\/p>\n<p>Die schweizerische Bundesverfassung h\u00e4lt in Artikel 50 fest, dass die \u00abGemeindeautonomie\u00bb<em> nach Massgabe <\/em>des kantonalen Rechts gew\u00e4hrleistet sei. Zudem besagt dieselbe Rechtsnorm, dass der Bund bei seinem Handeln die m\u00f6glichen Auswirkungen auf die Gemeinden zu beachten habe. W\u00e4hrend die Gemeindeautonomie zwar bundesrechtlich <em>garantiert<\/em> ist, wird sie abschliessend durch die Kantone <em>geregelt<\/em> \u2013 darum spricht man auch vom \u00abhybriden Charakter\u00bb der Gemeindeautonomie (siehe Griffel, 2017).<\/p>\n<p>Um herauszufinden, welche Rechte und Kompetenzen den schweizerischen Gemeinden schliesslich zukommen, m\u00fcssen wir die jeweilige Kantonsverfassung und die kantonale Gemeindegesetzgebung konsultieren (z.B. Artikel 83 der Z\u00fcrcher Kantonsverfassung). Oft bleibt der Umfang der Gemeindeautonomie allerdings eine Interpretationsfrage. So h\u00e4lt das Bundesgericht in st\u00e4ndiger Rechtsprechung fest, dass einer Gemeinde in einem bestimmten Sachbereich <em>Autonomie<\/em> zukomme, wenn das kantonale Recht diesen nicht abschliessend ordnet, sondern ihn ganz oder teilweise der Gemeinde zur Regelung \u00fcberl\u00e4sst und ihr dabei eine \u00abrelativ erhebliche Entscheidungsfreiheit\u00bb einr\u00e4umt (siehe etwa BGE 141 I 36, Erw\u00e4gung 5.3).<\/p>\n<p>Die Verfassung des Bundes geht davon aus, dass der Gemeindef\u00f6deralismus der \u00abschweizerischen Realit\u00e4t\u00bb entspricht. Der Status quo wird unter anderem dadurch sichergestellt, dass das Bundesgericht als letzter Richter allf\u00e4llige Verletzungen der Gemeindeautonomie juristisch zu beurteilen hat, was in st\u00e4ndiger Rechtsprechung seit mehr als hundert Jahren auch geschieht (siehe Artikel 189 der Bundesverfassung). Wie weit allerdings das <em>Ausmass der Gemeindevielfalt<\/em> gehen soll, ist in der Verfassung des Bundes nicht festgeschrieben. \u00c4nderungen im Bestand der Gemeinden sind also m\u00f6glich; sogar die komplette(!) Aufl\u00f6sung seiner Gemeindestrukturen ist einem Kanton nicht verboten (so Jaag, in: Biaggini et al., 2015).<\/p>\n<blockquote><p>\u00ab\u00c4nderungen im Bestand der Gemeinden sind also m\u00f6glich; sogar die komplette(!) Aufl\u00f6sung seiner Gemeindestrukturen ist einem Kanton nicht verboten.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Gemeindevielfalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Vielfalt an Gemeinden hierzulande ist beeindruckend: So wies die kleinste politische Gemeinde, Corippo im Tessiner Verzascatal, lediglich 14 Einwohner per Ende 2016 auf. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist dort die Einwohnerzahl kontinuierlich r\u00fcckl\u00e4ufig, nachdem die landwirtschaftlichen Ertr\u00e4ge in den schwierigen topographischen Bedingungen ebenfalls zur\u00fcckgegangen sind. Um 1850 lebten noch fast 300 Personen in diesem Dorf, das seine politische Unabh\u00e4ngigkeit seit 1822 behauptet und mittels Errichtung einer Stiftung die Revitalisierung des Ortes anstrebt.<a name=\"_ftnref1\"><\/a><a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Ein Kontrastprogramm zu Corippo bietet die Stadt Z\u00fcrich, die gr\u00f6sste politische Gemeinde der Eidgenossenschaft. Angesichts der fast 403&#8217;000 Einwohner, welche Ende 2016 in der Limmatstadt lebten, wird deutlich, welche Vielfalt an Gemeindestrukturen hierzulande existieren muss. Dass die Herausforderungen der Gemeinden, deren F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten und finanziellen Verh\u00e4ltnisse nicht \u00fcberall dieselben sein k\u00f6nnen, ist offensichtlich: Arbeitslosenquote, Ausl\u00e4nderanteil, wirtschaftliche St\u00e4rke, Infrastruktur, kulturelles Angebot, Sicherheitsdispositiv und viele weitere messbare Faktoren k\u00f6nnten f\u00fcr Corippo und Z\u00fcrich kaum weiter auseinander liegen! Aber auch im Median sind die Anspr\u00fcche sehr unterschiedlich. Kleinst- und Kleingemeinden stellen immer noch die Mehrzahl in der schweizerischen Gemeindelandschaft dar.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abDie Vielfalt an Gemeinden hierzulande ist beeindruckend [&#8230;].\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Aufgrund der unterschiedlichen Herausforderungen hat sich die Gemeindedichte in der Schweiz kontinuierlich reduziert: Anfang dieses Jahres waren es noch 2&#8217;255 Gemeinden, der H\u00f6chststand nach der Gr\u00fcndung des Bundesstaates wurde 1860 mit mehr als 3&#8217;200 selbstst\u00e4ndigen Gemeinden erreicht (siehe Griffel, 2017). Dies bedeutet, dass die Schweiz im Durschnitt j\u00e4hrlich um gut 5,7 Gemeinden \u00e4rmer geworden ist \u2013 freilich mit einem rasanten Beschleunigungstrend in den letzten beiden Jahrzehnten. Seit dem Jahr 2000 verschwanden \u00fcber 600 Gemeinden. Jede zweite Gemeine denkt gem\u00e4ss einer Studie der Universit\u00e4t Bern \u00fcber eine rechtliche Umstrukturierung nach. Die Kantone wirken teils enthusiastisch dabei mit (wenn auch Zwangsfusionen durch die Kantone aufgrund der Rechtsprechung des Bundesgerichts unter gewissen Umst\u00e4nden ausgeschlossen sind). Vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt war die Fusionswelle im Kanton Glarus, dessen Landsgemeinde 2011 aus 25 Gemeinden deren drei machte.<\/p>\n<p>Was bedeutet dies nun f\u00fcr den f\u00f6deralistischen Gedanken des Landes? Stur auf den Gemeindef\u00f6deralismus um einer Sache willen zu setzen, geht meines Erachtens am Thema vorbei. Das w\u00e4re antiquiert und nicht per se liberal. Doch gibt es sehr gute Argumente, welche die Bedeutung einer m\u00f6glichst starken Gemeindestruktur in der politischen Realit\u00e4t herausstreichen.<\/p>\n<p><strong>Die Gemeindefreiheit in Adolf Gassers Theorie<\/strong><\/p>\n<p>Der Schweizer Historiker Adolf Gasser (1903-1985) schloss sein Studium in Z\u00fcrich und Heidelberg mit Promotionen in Geschichte und klassischer Philologie ab. Anschliessend arbeitete er als Gymnasiallehrer in Basel, bevor er zum Professor an der dortigen Universit\u00e4t bef\u00f6rdert wurde. Gasser war zudem als Freisinniger politisch aktiv. Sein wissenschaftliches Werk und politisches Wirken sind gepr\u00e4gt von einer historisch begr\u00fcndeten Gemeinschaftsethik, in der Gemeindefreiheit und F\u00f6deralismus die Grundlagen eines vereinten Europas bilden.<a name=\"_ftnref2\"><\/a><a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Gasser untersuchte in seinem Hauptwerk <em>\u00abGemeindefreiheit als Rettung Europas. Grundlinien einer ethischen Geschichtsauffassung\u00bb<\/em> (1943) die Gemeinderealit\u00e4t seit Anbeginn der Geschichtsschreibung, so etwa die Form der Gemeinde im Antiken Griechenland oder im republikanischen System des \u00abKommunalismus\u00bb in den oberitalienischen St\u00e4dten der \u00dcbergangszeit zur fr\u00fchneuzeitlichen Moderne. Bei ihm ist die Betrachtung also wesensm\u00e4ssig \u00abGeschichte von unten\u00bb. Bis heute wird das sp\u00e4tmittelalterliche Stadtwesen in der Forschung als wichtige Entwicklungsstufe f\u00fcr die Reformation, Industrialisierung und den Fr\u00fchkapitalismus angesehen. Gassers Untersuchungen sind darum vor allem auch bedeutsam f\u00fcr die liberalen Staatsgr\u00fcndungen des 18. und 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abBei [Gasser] ist die Betrachtung also wesensm\u00e4ssig \u201aGeschichte von unten\u2019.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr die Republik der Niederlande und die Schweizer Eidgenossenschaft vor 1848 bedeutete die Gemeindeidee eine politische Opportunit\u00e4t, welche die Berufung auf kommunale Werte, auf Selbstverwaltung und damit auf Unabh\u00e4ngigkeit erm\u00f6glichte. Der \u00abR\u00e4tische Freistaat\u00bb (heute Graub\u00fcnden) etwa existierte bis zum Einmarsch Napoleons in die Alte Eidgenossenschaft 1798 in gr\u00f6sstm\u00f6glicher Souver\u00e4nit\u00e4t namentlich gegen\u00fcber dem Heiligen R\u00f6mischen Reich. Diese fr\u00fchen Territorialverbindungen waren oftmals <em>genossenschaftlich <\/em>organisiert, das heisst durch freiwillige \u00dcbereinkunft zustande gekommen. Aufgrund ihrer personalistischen Natur beruhten diese B\u00fcnde auf dem gegenseitigen Vertrauen ihrer Mitglieder (auch \u00abMarktgenossenschaften\u00bb, siehe Griffel, 2017). Die Genossenschaftsidee behielt f\u00fcr die Schweiz bis heute mit Blick etwa auf die gemeinschaftliche Verwaltung von Allmenden sowie B\u00fcrger- und Kirchgemeinden ihre Bedeutung.<\/p>\n<p>Gasser bildete seine Theorie vor dem Hintergrund der totalit\u00e4ren Ausw\u00fcchse des Zweiten Weltkrieges: Nazideutschland, Faschismus und Kommunismus bildeten Blaupausen daf\u00fcr, wie ein demokratischer Staat zur moralischen Verrottung findet. Es war die Zeit des \u00abMassensterbens europ\u00e4ischer Demokratien\u00bb, der Verwirklichung des okzidentalen Feudalismus und Absolutismus letztlich im Totalitarismus (siehe Ruetz, in: Schwarz et al., 2007). Was diese Gebilde neben den menschenverachtenden Ideologien gemein hatten, waren die zentralistischen und hierarchischen Strukturen ihrer F\u00fchrungsebenen und damit deren Abneigung gegen\u00fcber dezentralen Mechanismen zur L\u00f6sungsfindung. Gasser bezeichnete dies als die \u00abWelt der Gemeinde<em>un<\/em>freiheit\u00bb. Aufgrund seiner Beobachtungen verfasste er die These, dass eine moralische und politische Gesundung <em>von unten<\/em> kommen m\u00fcsse, das heisst aufgrund von Bestrebungen auf der kommunalen Ebene. Nur dezentral aufgebaute Staaten seien f\u00e4hig, so Gasser, den totalit\u00e4ren Versuchungen auf Dauer widerstehen zu k\u00f6nnen. Wenn auch Gasser in seinem Werk anders als etwa sein Zeitgenosse Friedrich A. von Hayek die demokratische Ordnung ethisch \u00ab\u00fcberh\u00f6ht\u00bb, stellen seine Erkenntnisse weiterhin einen wichtigen Beitrag f\u00fcr die F\u00f6deralismusforschung dar.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abAufgrund seiner Beobachtungen verfasste Gasser die These, dass eine moralische und politische Gesundung von unten kommen m\u00fcsse [&#8230;].\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Zwangsl\u00e4ufig findet auch eine weitere schweizerische St\u00e4rke in Gassers Werk Erw\u00e4hnung: der Wettbewerb der Modelle, der schlechten und guten L\u00f6sungen und damit der Wettbewerb um Fehlertoleranz und -redundanz. Die positive Kehrseite dieses Wettbewerbs der Systeme stellt die Mobilit\u00e4t dar, das heisst die nicht rein theoretische M\u00f6glichkeit des Einzelnen, sich von heute auf morgen aus einem Territorialit\u00e4tsverband zu l\u00f6sen. Die Essenz der Gemeindefreiheit bei Gasser besteht also aus einem <em>Vertrauenssystem \u2013 <\/em>dem kollektiven Vertrauen der B\u00fcrger in den Anstand und die Redlichkeit der Obrigkeit, welches letztere jederzeit zu pflegen und erhalten willens sein muss.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abDie Essenz der Gemeindefreiheit bei Gasser besteht also aus einem Vertrauenssystem, dem kollektiven Vertrauen der B\u00fcrger in den Anstand und die Redlichkeit der Obrigkeit, welches letztere jederzeit zu pflegen und erhalten willens sein muss.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Wesen der Gasser\u2019schen Gemeindefreiheit besteht in Michael von Prollius\u2019 Worten <em>\u00ab[&#8230;] in der Einbeziehung der B\u00fcrger in m\u00f6glichst viele Entscheidungen auf kommunaler Ebene. Vertrauen und Vertragstreue, Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit und Ma\u00df halten, die Kontrolle der Verwaltung durch die B\u00fcrger, freiwillige Solidarit\u00e4t und die Bindung an Recht zum Wohle der Freiheit, all dies kann durch Gemeindefreiheit erm\u00f6glicht werden.\u00bb<a name=\"_ftnref3\"><\/a><a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> <\/em><\/p>\n<p>Gasser sieht in der \u00abWelt der Gemeindefreiheit\u00bb sogar eine <em>sittliche<\/em> Ordnung, die als notwendiges Gegengewicht zur \u00abZ\u00fcgellosigkeit der Freiheit\u00bb agieren soll. Hier verl\u00e4sst Gasser den eingeschlagenen liberalen Weg und argumentiert in der Folge \u2013 ganz im Sinne des damaligen Zeitgeistes \u2013 sozialdemokratisch. Dennoch bleibt Gassers Werk ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr \u00abpolitische Liberalit\u00e4t\u00bb im Sinne des Kommunalismus, eine Einwendung gegen jegliche Zentralisierung der Politik sozialistischer Pr\u00e4gung letzten Endes.<\/p>\n<p><strong>Europ\u00e4ische Integration und der Verlust der Gemeindeidentit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Dass die soeben angef\u00fchrte Umschreibung der Gemeindefreiheit in Konflikt mit der heutigen Ordnung kommen muss, \u00fcberrascht nicht, ist sie doch insbesondere in Europa derart weit entfernt von der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Supranationale Strukturen, wie etwa die Europ\u00e4ische Union, haben direkt und indirekt dazu beigetragen, dass die Gemeinde europaweit und wahrscheinlich dar\u00fcber hinaus an Bedeutung verloren hat. Dies h\u00e4ngt erstens damit zusammen, dass aussenpolitische Themen in einer globalisierten Welt von gr\u00f6sserem Belang sind, weshalb Kompetenzen zulasten der Gemeinden und Kantone zum Bundesstaat und zur europ\u00e4ischen Ebene hin verlagert worden sind, und zweitens in der Folge die Anziehung von \u00c4mtern auf h\u00f6heren Ebenen das Interesse an der kommunalen Arbeit vermindert hat. Die kommunale Selbstverwaltung hat damit enorm an Boden verloren.<\/p>\n<p>An dieser Tatsache kann auch die \u00abFeigenblattpolitik\u00bb des Br\u00fcsseler Apparates in Form von Art. 5 des Vertrags \u00fcber die Europ\u00e4ische Union und des Subsidiarit\u00e4tsprotokolls nichts \u00e4ndern. In die gleiche Kategorie geh\u00f6rt leider die an sich v\u00f6lkerrechtlich verbindliche \u00abEurop\u00e4ische Charta der kommunalen Selbstverwaltung\u00bb des Europarates von 1985, deren Mitglied die Schweiz ist. Rechtlich sieht die Situation hierzulande kaum besser aus: W\u00fcrde wenigstens die Justiziabilit\u00e4t und damit die Einklagbarkeit des Subsidiarit\u00e4tsprinzips anerkannt (siehe Artikel 5a und 43 der Bundesverfassung), k\u00e4me immerhin dem Grundsatz der Subsidiarit\u00e4t eine eigenst\u00e4ndige Bedeutung vor dem Richter zu!<a name=\"_ftnref4\"><\/a><a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Es ist eine Binsenwahrheit, dass einmal erhobene Anspr\u00fcche nicht leichtfertig r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Dies gilt leider sowohl f\u00fcr das politische als auch f\u00fcr das Privatleben. Die Risiken einer Perversion solcher Macht, die Gasser so eindr\u00fccklich in seinem Werk aufgezeigt hat, sind real. Es geht deshalb <em>nicht<\/em> in erster Linie darum, Gemeindeautonomien um jeden Preis zu bewahren, sondern sich der tieferliegenden, schlummernden Gefahren einer mangelhaften Abst\u00fctzung der Politik in der Lokalbev\u00f6lkerung bewusst zu werden.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abEs geht deshalb nicht in erster Linie darum, Gemeindeautonomien um jeden Preis zu bewahren, sondern sich der tieferliegenden, schlummernden Gefahren einer mangelhaften Abst\u00fctzung der Politik in der Lokalbev\u00f6lkerung bewusst zu werden.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Staaten verlieren ihren k\u00f6rperschaftlichen Charakter vollends, wenn sie die Fundierung bei ihren B\u00fcrgern einb\u00fcssen und die Distanz zwischen \u00abpolitischer Elite\u00bb und \u00abeinfachem citoyen\u00bb gr\u00f6sser wird und diese schliesslich in un\u00fcberwindbare Spaltung \u00abTrump\u2019scher Art\u00bb endet. Diese Entwicklung, die den Menschen in den meisten F\u00e4llen ohne b\u00f6se Absicht die Identit\u00e4t entreisst, sp\u00fcren wir heute in vielen Teilen der westlichen Hemisph\u00e4re. Ein Ende ist allerdings so lange nicht in Sicht, bis wir uns wieder auf die Vorteile f\u00f6deralistischer Strukturen und damit auch auf die Idee der Gemeindefreiheit zur\u00fcckbesinnen.<\/p>\n<p><strong>Geringe Chancen f\u00fcr einen f\u00f6deralistischen \u00abSwiss Finish\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>L\u00f6sungen gegen das Gemeindesterben sind aktuell nur schwer greifbar. Es w\u00e4re wohl an zwei Orten anzusetzen: Erstens m\u00fcsste die Attraktivit\u00e4t der kommunalen \u00c4mter gest\u00e4rkt werden, was voraussetzen w\u00fcrde, dass die Gemeinden wieder vermehrt eigenst\u00e4ndig substanzielle Entscheidungen zu treffen h\u00e4tten, statt lediglich die durch den Kanton und Bund delegierten Aufgaben auszuf\u00fchren. Zweitens m\u00fcssten die Menschen erkennen, welche immense Bedeutung der Gemeindeautonomie f\u00fcr eine selbstbewusste und sich selbstverwaltende politische \u00d6ffentlichkeit und das soziale Leben insgesamt zukommt.<\/p>\n<p>Neben eigentlichen Fusionen werden heute auch Alternativen angedacht: Allerdings kann beispielsweise der \u00abvertragliche\u00bb Zusammenschluss von Gemeinden zur Erf\u00fcllung \u00f6ffentlicher Aufgaben, sogenannte \u00abZweckverb\u00e4nde\u00bb, den beiden oben genannten Anliegen nur bedingt gerecht werden! Solche Verb\u00e4nde weisen zudem demokratische Defizite auf.<\/p>\n<p>Seit einiger Zeit steht nun auch die Unabh\u00e4ngigkeit des kleinsten politischen Gemeinwesens der Schweiz, der Tessiner Gemeinde Corippo, auf dem Spiel. Es wird in zeitgen\u00f6ssischer Manier daran gearbeitet, f\u00fcnf der acht Gemeinden des Kreises Verzasca, darunter Corippo, in eine einzige Gemeinde mit dem Namen \u00abVerzasca\u00bb aufgehen zu lassen. Corippo soll es letztendlich also gleich wie meiner Heimatgemeinde Piazzogna ergehen! Die dabei realisierbaren Effizienzgewinne im Sinne der Prinzipien des \u00abNew Public Managements\u00bb w\u00fcrden zweifellos den Politikern in die H\u00e4nde spielen. Die Idee der Gemeindefreiheit allerdings, wie sie in Adolf Gassers Werk zum Ausdruck kommt, w\u00fcrde damit stetig tiefer ausgeh\u00f6hlt \u2013 mit allen langfristigen Konsequenzen, die damit verbunden sind, f\u00fcr die Schweiz und Europa.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a name=\"_ftn1\"><\/a><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Siehe <a href=\"http:\/\/www.fondazionecorippo.ch\/\">http:\/\/www.fondazionecorippo.ch\/<\/a>.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn2\"><\/a><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Siehe u.a. <a href=\"http:\/\/www.hls-dhs-dss.ch\/textes\/d\/D27040.php\">http:\/\/www.hls-dhs-dss.ch\/textes\/d\/D27040.php<\/a>; <a href=\"http:\/\/www.forum-ordnungspolitik.de\/zum-forum-ordnungspolitik\/-und-ihre-ahnen\/599-adolf-gasser-1943-gemeindefreiheit-als-rettung-europas-kommunalismus\">http:\/\/www.forum-ordnungspolitik.de\/zum-forum-ordnungspolitik\/-und-ihre-ahnen\/599-adolf-gasser-1943-gemeindefreiheit-als-rettung-europas-kommunalismus<\/a>.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn3\"><\/a><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Michael von Prollius, Adolf Gasser (1943) Gemeindefreiheit als Rettung Europas \u2013 Kommunalismus, 14. Juli 2009, <a href=\"http:\/\/www.forum-ordnungspolitik.de\/zum-forum-ordnungspolitik\/-und-ihre-ahnen\/599-adolf-gasser-1943-gemeindefreiheit-als-rettung-europas-kommunalismus\">http:\/\/www.forum-ordnungspolitik.de\/zum-forum-ordnungspolitik\/-und-ihre-ahnen\/599-adolf-gasser-1943-gemeindefreiheit-als-rettung-europas-kommunalismus<\/a>.<\/p>\n<p><a name=\"_ftn4\"><\/a><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Siehe Fabio Andreotti, Why Freedom Is Favored by Secession and Subsidiarity, January 23, 2017 <a href=\"https:\/\/fee.org\/articles\/why-freedom-is-favored-by-secession-and-subsidiarity\/\">https:\/\/fee.org\/articles\/why-freedom-is-favored-by-secession-and-subsidiarity\/<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Erscheint voraussichtlich in der Novemberausgabe der &#8220;Hayek-Feder&#8221; des Hayek Clubs Z\u00fcrich. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als meine Heimatgemeinde Piazzogna 2010 mit ihren Tessiner Nachbargemeinden zur Superkommune \u00abGambarogno\u00bb zwangsfusioniert wurde, machte ich mir noch keine grossen Gedanken dar\u00fcber, welche Auswirkungen dies f\u00fcr meinen B\u00fcrgerort und dar\u00fcber hinaus haben k\u00f6nnte. 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